30. März 2016 09:05
Der Weg nach Gori ins Stalinmuseum begann mit der morgendlicher Metrofahrt in Tiflis zum Treffpunkt, von dem wir uns mit dem Kleinbus auf den Weg machten. So warm wie die vergangene Woche war, so kalt ist es in den letzten beiden Tagen geworden. Zudem wehte ein eisiger Wind, der durch Mark und Bein ging. Die Fahrt nach Gori verlief, bereits wie gewohnt, durch schöne Landschaft ziemlich nah an der südlichen Grenze zu Südossetien. In Georgien gab es 2008 eine kurze, wenige Wochen dauernde, heftige kriegerische Auseinandersetzung mit Russland um diesen Landstrich, der getrennt durch den großen Kaukasus nur durch einen Tunnel mit Nordossetien verbunden ist. Beide Seiten behaupten den Krieg angefangen zu haben und er endete so wie er wohl enden musste: Südossetien ist seitdem von Russland besetzt und streng militärisch abgeriegelt. Ebenso erging es Abchasien ganz im Nordwesten des Landes. Für beide Regionen gilt eine Reisewarnung und es empfiehlt sich, besser nicht dorthin zu fahren. Der Krieg in Südossetien vor 8 Jahren hat heftige Flüchtlingsströme innerhalb des Landes ausgelöst und auch in Tiflis war große Sorge, dass russisches Militär sich der Hauptstadt bemächtigt. Die Umklammerung des großen Bruders Russland ist latent im ganzen Land zu spüren und dennoch gibt es einen Teil der Bevölkerung, der durchaus russlandfreundlich ist. Besonders wenn es Touristen sind, von denen es hier viele gibt. Das erklärt vielleicht auch, weshalb das Stalinmuseum in Gori, dem Geburtsort von Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, besonders auch von russischen Touristen stark frequentiert ist. Erst später nannte Stalin sich: Josef Wissarionowitsch Stalin (= der Stählerne).
Gori ist keine besonders schöne Stadt. Heruntergwirtschaftete Häuser und man sieht es der Bevölkerung an, dass das Leben hier mit viel Mühe verbunden ist. Umso mehr fällt mitten in der Stadt das Stalinmuseum auf, vor dessen Haupteingang der gepanzerte Eisenbahnwaggon Stalins steht, mit dem er nach dem 2. Weltkrieg zu den Potsdamer Verträgen gereist ist. Stalin hat es vermieden zu fliegen. Das Museum ist von einem kleinen Park umgeben, in dem das kleine Geburtshaus von Stalin steht. Man kann es fast übersehen, da es komplett von einem tempelartigen Überbau erdrückt wird. Der Haupteingang und das Foyer lassen keinen Zweifel daran, wie Stalin gesehen wird. Als gebürtiger Georgier war man stolz auf Stalin. Im ganzen Museum findet keinerlei Auseinandersetzung mit den Untaten statt, die ja zweifellos von ihm auch millionenfach begangen wurden. Enteignungen von Land und die damit ausgelöste katastrophale Hungersnot der russischen Bevölkerung mit vielen Toten, gegenseitige Denunziationen und Anklage innerhalb der Bevölkerung, das Leben in Angst, unter Folter erpresste Eigenbeschuldigungen, Arbeitslager (Gulags) mit millionen Toten und eine über Jahre ausgelöste starke Depression der gesamten sowjetischen Bevölkerung. Kein Wort davon in dem Museum. Wie uns gesagt wurde, ist dieser Teil der Geschichte erst jetzt von der jungen Generation als Erweiterung des Museums geplant, scheitert aber derzeit an den Finanzen.
Das Museum hängt voller Bilder Stalins, seinen politischen Weggefährten, Informationen und Dokumente von seiner Geburt, seinem Wirken bis zu seinem Tode. Leider alles nur in georgischer Sprache, was ein wenig Verständnisprobleme bei mir hervorrief. Interessant waren auch die Glasvitrinen, in denen die Gastgeschenke ausgestellt sind, die Stalin von Regierungen aus anderen Ländern erhielt. In einem hinteren Teil des Museums, befindet sich ein etwas abgedunkelter mausoleumsähnlicher Raum, in dem ein Bronceabguss von Stalins Totenmaske auf einem Kissen aufgebahrt liegt. Die ehrfürchtige Stille in dem Museum unterstreicht die Bedeutung, die Stalin noch heute in der Bevölkerung geniesst. Das macht schon sehr nachdenklich...
Draussen dann, wurden wir durch Stalins Eisenbahnwaggon geführt, mit dem er immer unterwegs war. Es gibt darin einen kleinen Speisesalon, natürlich eine Küche mit zwei gusseisernen Küchenherden in der die Speisen zubereitet wurden, kleine Abteile für die Offiziere bzw. Begleitpersonal und natürlich die privaten Räume Stalins. Ein Abteil mit einem Bett und Schreibtisch und direktem Verbindungsgang zum Waschraum mit Badewanne und Toilette.
Zurück in Tiflis haben wir uns abends mit Freunden über diesen denkwürdigen Tag unterhalten. Stalin wird bei den jungen Menschen heute kritischer gesehen, auch weil er als gebürtiger Georgier sein Geburtsland in die Sowjetunion integrierte. Auch hier wird wieder deutlich, wie sehr sich Georgien die Unabhängigkeit von Russland wünscht. Ob Abchasien oder Südossetien jemals wieder an Georgien zurück gegeben werden? Gefühlt hat Georgien da noch einen langen Weg vor sich.
Unsere Reise neigt sich nun langsam dem Ende und ich muss sagen, dass ich mich wieder auf daheim freue. Es ist schon eine andere Welt daheim in Mitteleuropa. Gestern haben uns unsere Freunde gefragt, was wir von diesem Land erzählen werden. Ganz sicher einmal, dass Georgien ein sehr schönes Land ist, dass es sich lohnt zu besuchen. Hier leben freundliche Menschen, für die Gastfreundschaft das Höchste ist. Wie sagte gestern unsere Freundin Maka: "Ein Gast ist für einen Georgier wie ein Geschenk von Gott und so muss er auch behandelt werden." Das haben wir überall dort gespürt, wo wir in den direkten Kontakt mit den Menschen hier gekommen sind. (Ich werde daheim erstmal eine Diät machen....)
Für die Zukunft bleibt Georgien zu wünschen, dass eine stabile Regierung dafür sorgt, dass der Wunsch zur Veränderung Realität wird und den Menschen bei der Umsetzung auch wirklich konstruktiv hilft. Es gibt an allen Ecken und Enden jede Menge zu tun.
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