29. September 2019 11:11
Der Bär und die Transfagarasan-Hochstraße7. Etappe: von Corbi nach Polovragi in Rumänien, ca. 415 km, gesamt 2.560 kmAm 8. Tag machten wir uns auf den Weg zu einem weiteren Höhepunkt unserer Reise, der Transfagarasan Hochstraße. Bei 90 km Länge, vielen Kurven, engen Serpentinen und grandiosen Bergwelten ist sie ein Eldorado für kurvenbegeisterte Motorradfahrer.
Bevor wir uns aber morgens auf den Weg machten, haben wir am Abend vorher noch meinen inzwischen doch deutlich mehr ölenden Gabelholm „verarztet". Durch den Telelever der BMW, spielt die Federung der Gabelholme glücklicherweise nur eine untergeordnete Rolle und so wurde oberhalb des Tauchrohres kurzerhand ein Putzlappenstreifen mehrmals um den Holm gewickelt und mit zwei Kabelbindern so fixiert, dass kein Öl auf die Bremsanlage gelangen konnte. Das hat dann auch tadellos bis zum Ende der gesamten Reise gereicht.
Der Tag begann damit, was jedem Reisenden irgendwann mal passiert. Wir haben uns auf dem Weg zur Hochstraße hoffnungslos verfahren. Gemerkt haben wir es erst, als wir schon kilometerweit von unserer Route abgekommen waren und die gut befestigte Straße erst zu einem „Patchworkweg“ wurde, danach sich dann immer schmaler zu einer tiefen Schlaglochpiste entwickelte, bis sie zuletzt als Geröllpiste endete, wenn diese Bezeichnung überhaupt noch zutreffend war. Die Dörfer wurden immer armseliger und die Gegend erschien uns immer verlassener. Umdrehen war nicht mehr möglich und so machten wir uns also weiter daran, der Geröllpiste zu folgen, die im Wesentlichen aus faustgroßen Steinen bestand. Unsere schweren Motorräder darüber zu bewegen, war nur im ersten Gang und mit etwas mehr als Standgas machbar.
Viel schlimmer aber waren die Begegnungen mit den streunenden und völlig verwilderten Hunden, denen wir übrigens in ganz Rumänien überall begegnet sind. Ich hab sie gezählt. 10 Hunde gingen an diesem Morgen unvermittelt auf uns los, schossen aus dem Gebüsch und jagten einem einen Mordsschreck ein.
Und dann, Thomas fuhr gerade vor mir in einer 90 Grad-Kurve, sah ich im linken Augenwinkel etwas großes, zotteliges heranjagen. Ein Riesenvieh von einem Hund. Groß wie ein Kalb. In gestrecktem Lauf rannte der auf Thomas zu und sprang mit einem Satz zähnefletschend in Richtung BMW. Doch Thomas hatte Glück, denn das Monstrum verfehlte das Motorrad nur knapp und hätte ihn sicher bei einem Volltreffer mitsamt Motorrad umgeschmissen. Glück gehabt.
Da ich leider hinter Thomas fuhr, war ich ja nun wohl als nächster dran, was der Köter auch so sah. Sofort hechtete er auf mich zu und zum Glück hatte ich bei vorherigen Hundebegegnugen festgestellt, dass ein aufjaulender Motor für einige rettende Schrecksekunden sorgen kann. Ich zog also die Kupplung, riss das Gas auf und … es funktionierte. Das Monstrum verharrte kurz in der Bewegung und ich konnte die Sekunden zur Flucht nutzen. Zum Glück setzte er nicht hinterher. Meinen Herzschlag hatte ich daraufhin an Stellen gespürt, wo eigentlich kein Herz sein konnte. War das ein Schreck. Mit dem Fahrrad hätte ich dem nicht begegnen wollen...
Die Ortschaften, die wir durchquerten waren so ärmlich, dass es kaum vorstellbar war, dass die Häuser noch bewohnt sein konnten. Die Wege waren bestenfalls mit dem Esel oder zu Fuß bezwingbar. Autofahren wäre unmöglich gewesen.
Nach einigen weiteren, etwas harmloseren Hundeatacken erreichten wir nach einer gefühlten Ewigkeit wieder befestigte Wege und kamen in Dörfer, die etwas mehr Leben zeigten. Leider waren wir an dem Südeingang der Transfagarasan inzwischen längst vorbei und so entschlossen wir uns die Gelegenheit zu nutzen und durch den Cozia Nationalpark über Ramniu Valcea in Richtung Nordeingang zu fahren. Die kurvige Straße, tief im Tal entlang des Flusses Olt war in einem so perfekten Zustand, dass allein die Anfahrt zur Transfagarasan ein Erlebnis war.
Wie schon so oft, hat uns Rumänien auch an diesem Tag wieder durch seine wechselnden, immer wieder auf´s neue überraschend schönen Landschaften und Bergwelten beeindruckt. Und so näherten wir uns immer mehr dem Nordeingang der unter Motorradfahrern beliebten Hochstraße. Kurz vor dem Pass noch einmal vollgetankt, gingen wir die Transfagarasan an.
Am Ende schraubt sie sich in engen Serpentinen bis auf 2.042 m Höhe. Leider war Sonntag und wir hatten nicht als einzige die Idee, die Hochstraße zu fahren. Es war also ziemlich voll und auf der Passhöhe stauten sich die PKWs in langen Warteschlangen. Glück, wer ein Motorrad hatte und sich somit nicht unbedingt einreihen musste.
An einem Haltepunkt mit schönem Panoramablick kurz vor dem Gipfel passierte dann das, was irgendwie auf einer Motorradreise wohl dazu gehört. Thomas kippte beim Bremsen auf der geschotterten Haltebucht seine GS weg und da war nichts mehr zu halten. Der hohe Schwerpunkt ist da nicht unbedingt von Vorteil und da lag sie nun auf der rechten Seite. Beim Aufrichten sprangen sofort 2 hilfsbereite Rumänen aus ihrem Auto und zu viert hievten wir die vollbepackte BMW wieder auf ihre beiden Räder. Thomas hatte Glück im Unglück und musste nur einen abgebrochenen Blinker beklagen. Sonst war an dem Motorrad nichts passiert. Die Alukoffer, der Sturzbügel und der breite Lenker hatten Schlimmeres verhindert.
Die Hochstraße nahm kein Ende. Den halben Tag lang kurvten wir Kilometer um Kilometer durch die Bergwelt und je weiter wir auf der anderen Seite wieder runter kamen, wechselte diese in dichte Laubwälder.
Unmittelbar nach einer Linkskurve standen plötzlich und unerwartet drei tschechische Motoradfahrer mit ihren Maschinen mitten auf der Straße. Wir glaubten unseren Augen nicht zu trauen. Stand da doch direkt 3 m vor uns ein ausgewachsener Karpatenbär und fraß gemütlich die Überreste eines totgefahrenen Tieres vom Asphalt.
Mit laufenden Motoren harrten wir respektvoll der Dinge und warteten ab was wohl als nächstes passieren würde. Aber alles ging gut. Vollgefressen trottete der Bär nach seiner Mahlzeit in unsere Richtung, unser Pulsschlag erhöhte sich kurzzeitig noch einmal, die Augen weiteten sich und der Bär verschwand 2 m neben meinem Motorrad im Gebüsch. Was für ein Erlebnis. Das wir einen Braunbären in freier Wildbahn so aus der Nähe betrachten konnten, daran hatten wir nie zu glauben gewagt. Gewagt haben wir allerdings auch nicht die Kamera aus der Tasche zu ziehen. Uns waren die Hände am Kupplungshebel und am Gasgriff in der Situation lieber. Somit gibt es von diesem Erlebnis leider keine Fotos.
Müde und noch unter den vielen Eindrücken des Tages stehend, erreichten wir unser Domizil in Polovragi, ein kleines Bauerndorf etwas abgelegen von der Hauptstraße. Nachdem wir unser Zimmer bezogen hatten, saßen wir bald frisch geduscht bei einem kräftigen Abendessen und verarbeiteten die Erlebnisse des Tages. Vor dem Schlafengehen wurde dann noch wie immer die Route für den nächsten Tag geplant.
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